"Bewusst is(s)t"


alle Bilder Öl über Acryl auf Leinwand, 100x70 cm

Hallo,

 

ich freue mich sehr, dass Sie den Weg auf meine Internetseite gefunden haben und mehr über meine Bilderserie wissen möchten. Ich hoffe, dass Sie die Bilder im Rahmen einer Ausstellung betrachten konnten und Ihre Neugier geweckt wurde. Ich würde mich freuen, wenn Sie ein kleines Feedback im Gästebuch hinterlassen würden, ob das von mir malerisch Gewollte auch bei Ihnen angekommen ist.

 

Warum die Thematik "Bewusst is(s)t"?

Ich wollte ein Bild mit einer Intention zum Abschluss meines Studiums malen. Da der Konsum von Nahrungsmitteln mir persönlich am Herzen liegt und zudem für jeden Menschen unterschiedlicher Kultur jeden Tag auf der Welt von Bedeutung ist, ist es vielen Menschen zugänglich.

 

Was sollte die Intention sein?

Dem Betrachter sollte klar werden, dass Nahrungsmittel nicht sprichwörtlich vom Himmel fallen, sondern es eines enormen Aufwands für deren Herstellung und Beschaffung bedarf.

 

Doch wie wird man sich  dessen bewusst und wie verpacke ich dies in einem Bild?

Um sich etwas bewusst zu machen, muss zunächst etwas vorhanden sein, was man im Moment nicht vor Augen hat bzw. es einem nicht eindeutig klar wird.

 

Der Betrachter sollte mein Bild ansehen, die einzelnen Bildelemente eindeutig erkennen und bestimmen können, aber es sollte ihm nicht direkt auf der Hand liegen, was die Intention sein könnte. Es sollte ihn aber reizen, es sich klar machen zu wollen.

 

Um Spannung zu erzeugen und damit Interesse zu erwecken, wählte ich das Hochformat. Die Größe sollte auffallend, aber nicht erschlagend sein. Der Betrachter sollte das Bild mit einem Blick erfassen können und nicht gezwungen sein, zur gesamten Bilderfassung größeren Abstand zu nehmen. Deshalb wählte ich 100x70 cm, was ich selbst auch mit einem Poster/Plakat assoziere und somit gleich die Verbindung zu der – von mir gewünschten – plakativen Darstellung schafft. Diese wird dadurch fortgesetzt, dass der Betrachter die einzelnen Bildelemente klar definieren kann und das Bild einprägsam ist.

 

Kunststil „Pop Art“

Pop Art Motive sind häufig Teile der Alltagskultur, der Welt des Konsums, den Massenmedien und der Werbung entnommen. Der Popkünstler fordert die absolute Realität, d.h., dass alle Elemente reine, klar definierbare Gegenstandselemente sein müssen. Die Formen werden von einigen Künstlern wie in Comic-Heften mit schwarzen Linien umrandet (Outlines). Oft sind die dargestellten Gegenstände wie in einem Plakat ohne Tiefe, also flächig gestaltet. Die Farben sind immer klar, es werden meistens nur die unbunten und Primärfarben angewendet. Pop Art ist eine Verknüpfung von Realität und Kunst, die mit eigenen abstrakten Mitteln arbeitet.

An diesen Kunststil habe ich mich teilweise angelehnt. Ich habe z.B. den Hintergrund meiner Bilder flächig gestaltet, die Bildelemente im Vordergrund haben jedoch Tiefe und sind malerischer. Auch finden sich weder Outlines im Bild noch sind die Bilder fotorealistisch.

Um das Bild bunt, kraftvoll und entschieden wirken lassen, wählte ich intensive und bunte Farben. Für eine hohe Farbintensität und Deckungskraft wählte ich Ölfarben. Um das Bild schnell farblich anzulegen, wollte ich jedoch die kurze Trocknungszeit der Acrylfarben nutzen. Bedingt durch die grundlegende Malregel „fett auf mager“ wurde die Acrylfarbe für die Untermalung verwendet. Nach allgemeiner Definition liegt eine echte Mischtechnik allerdings nur dann vor, wenn beide Maltechniken schlussendlich auch auf dem fertigen Bild zu sehen sind. Dies ist bei meinen Bildern aber nicht der Fall, so dass diesbezüglich auch nicht von einer Mischtechnik gesprochen werden kann.

 

Form, Farbe und Material waren bereits klar, doch die abstrahierte Bildidee musste noch ausgearbeitet werden.

Ich griff den Gedanken des Fleischkonsums wieder auf. Bei Schwein, Rind und Co. ist ein häufig nachgefragtes Produkt das Fleisch. Dieses sollte auf dem Bild unverkennbar in roher Konsistenz dargestellt werden und repräsentativ auf einem Tisch platziert liegen. Das Fleisch sollte das Bildzentrum bilden.

Im Hintergrund sollte eine Mustertapete sein, auf welcher sich – vereinfacht dargestellt – Schweinenasen befinden, die stellvertretenden für die Tiere stehen, die für das Stück Fleisch gehalten, gefüttert, etc. werden müssen.

 

Um neben der Positionierung im Bildzentrum einen weiteren Fokus auf das Fleisch zu richten, entschied ich mich, über dem Fleisch eine leuchtende Lampe zu positionieren, deren Lichtkegel es weiter in Szene setzt. Außerdem wird durch Lampe und Lichtkegel auch der Blick des Betrachters zwangsläufig auf das Bildzentrum gelenkt.

 

Um den Umstand des Draufschauens und Beleuchtens des Produkts weiter zu verstärken, habe ich die leichte Vogelperspektive gewählt habe.

 

Erste Reaktionen/Anregung zur Serie

Die häufigste Frage von Dritten bei Betrachtung des ersten Bildes (Fleisch/Schweinenasen) im Bildentstehungsprozess war die, ob ich Vegetarierin sei. Dies zeigte mir auf, dass der Betrachter den Schwerpunkt zu sehr auf den Fleischkonsum legt. Ich wollte jedoch nicht den Konsum eines bestimmten Produkts als falsch darstellen. Ziel war vielmehr, dass man sich bewusst wird, dass für sämtliche Lebensmittel, die wir zu uns nehmen, immer etwas im Vorfeld geschieht.

Um eine Fixierung auf das Fleisch zu vermeiden, musste ich also den Fokus auf Nahrungsmittel im Allgemeinen lenken. Dies hätte zum einen durch die Platzierung eines weiteren Lebensmittels im Bildzentrum erfolgen können, jedoch ließ das Bild in seiner Komposition nicht ohne weiteres ein anderes Nahrungsmittel zu. Daher erkannte ich die Notwendigkeit eines weiteren Bildes.

Dieses sollte zwar durch einen ähnlichen Aufbau eine Verbindung zu dem ersten Bild schaffen, jedoch ein anderes Produkt im Bildzentrum haben, welches ebenfalls mit den Abbildungen auf der Tapete im Hintergrund in Beziehung gesetzt wird.

Das zweite Bild enthält aus diesem Grund eine Packung Milch im Bildzentrum und Kuhnasen auf der Tapete. Hier soll dem Betrachter klar werden, dass für jeden Liter Milch, neben vielen anderen Dingen, eine Kuh gefüttert, ein Kalb geboren und beide beweidet werden müssen.

Mit dem dritten Bild wollte ich dem Betrachter sodann den Fokus auf die Massentierhaltung nehmen, indem zentriert ein nicht tierisches Produkt (Obst) und im Hintergrund die diesbezüglich weiten Transportwege dargestellt werden. Durch die gleichen Bildstrukturen, in Form von Tapete, Tisch, Hängeleuchte und Lebensmittel, nimmt auch das dritte Bild Verbindung zu den Bildern 1 und 2 auf und vereint sie zu einer Serie.

Die Gesamtschau der Serie nimmt dem einzelnen Produkt die isolierte Wirkung und führt zur gewünschten Intention, den Konsum von Nahrungsmitteln im Allgemeinen zu überdenken, indem man sich den dahinter stehenden Aufwand bewusst macht.

 

Einzelne Bilder: Farbwahl und Besonderheiten

Bild Nr. 1 = Fleisch und Schweinenasen

Zwei kleine Kreise in einem größeren Kreis sollten die Schweinenasen vereinfacht darstellen. Wichtig war es hier, dass die Schweinenasen – trotz offensichtlicher Vereinfachung in der bildnerischen Darstellung – eindeutig als solche erkennbar sind. Daher war es von essenziellem Wert, die Farbe für den äußeren, größeren Kreis in rosa und für die inneren, kleineren Kreise in pink zu wählen. Bei einer anderen Farbwahl (z.B. weiß/grau - siehe Abbildung links) hätte man das Motiv auch für Steckdosen halten können. Damit wäre die Bildintention zerstört bzw. verfälscht worden. Die Farbwahl der Schweinenasen war somit von vorneherein determiniert.

Etwas unlogisch erscheint zunächst, dass ich ein vermeintliches Stück Rindfleisch in Bezug zu Schweinenasen setze. Hier habe ich jedoch mehr Wert auf die Eindeutigkeit der einzelnen Bildelemente beim ersten Blick, als auf den logischen Zusammenhang bei tiefergehender Betrachtung gelegt. Die gewählte Art und Weise der Darstellung des Stückes Fleisch ist die ganz typische Darstellung eines Stücks Fleisch in Comic oder Zeichentrickfilmen – und diese ist eben regelmäßig an die Vorstellung von einem Rindersteak angelehnt. Denkt man demgegenüber aber über die Tierhaltung und den Produktionsprozess von Fleisch nach, so kommt in Deutschland vorwiegend das Schwein in den Sinn. Die Kuh bzw. das Rind wird eher mit Milch in Verbindung gebracht. Hier muss man natürlich den kulturellen Hintergrund bedenken, in Gegenden mit vorwiegend muslimischem Kulturkreis (Schweinefleisch wird dort nicht verzehrt) oder Indien (die Kuh gilt als heilig) wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anders sein.

Aufgrund von Farbstudien entschied ich mich hinsichtlich der weiteren Tapetengestaltung für ein grün-gelbes Raster, weil es mir am besten zu den rosa Nasen gefiel. Ich wählte blau für die Farbe des Tisches, um so noch eine stärke Kontrastierung durch den Warm-Kalt-Kontrast von Tisch und Fleisch hervorzurufen. Tisch und Lampe sollten in gleicher Farbe sein, so dass die beiden Bildelemente eine Verbindung miteinander eingehen und sich als gemeinsamer Vordergrund vom Hintergrund abheben können.

Nach oben hin wird die Tapete dunkler, da der Lichtkegel nach unten scheint – so wird das Bildzentrum noch zusätzlich gestützt.

Für meine Tapete habe ich ein Raster bzw. ein Gitter gewählt. Auf den gelben Kreuzungen tauchen graue Flecken auf. Nur auf der Kreuzung, die man mit den Augen fixiert, verschwindet der Fleck.

Die Form meiner Tapete nennt man „Hermann-Gitter“, was auf Herrn Ludimar Hermann zurückgeht, der 1870 entdeckte, dass solche Gittermuster mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten optische Täuschungen verursachen, hervorgerufen durch eine Überforderung unseres Gehirns. Man ging insofern lange davon aus, dass diese Täuschung auf der sogenannten lateralen Inhibition (dt.: seitliche Hemmung) auf der Netzhaut beruht.

 

Die beschriebene seitliche Hemmung wird immer dann eingesetzt, wenn vorhandene Kontraste (hier: Hell-Dunkel-Kontrast) verstärkt werden sollen.

 

Wie soll das funktionieren?

Die Rezeptoren des Auges sind miteinander verschaltet. Sie geben ihre Signale exzitatorisch (+) (lateinisch: excitare – erregen, aufregen) oder inhibitorisch (-) (lateinisch: inhibere – hemmen, unterbinden) weiter. Bei diesem Schaltprinzip hemmt jedoch jeder Rezeptor seine Nachbarn und so kommt es zur optischen Täuschung.

Eine Abwandlung des Herrmann-Gitters sorgte 2004 für Aufsehen, da lediglich eine leichte Krümmung des Gitters ausreicht, um die grauen Flecken verschwinden zu lassen.

Demnach spielen die Prozesse im Sehzentrum unseres Gehirns eine ebenso große Rolle, wie die Verarbeitung der Signale durch die Rezeptoren auf der Netzhaut unseres Auges, so dass die auf Herrn Hermann fundierte These der lateralen Inhibition nicht uneingeschränkt gefolgt werden kann.

 

Die Bemerkung eines Betrachters im Bildentstehungsprozess, dass das Grün auf der Tapete auch als Landfläche für die Beweidung der Schweine stehen könnte, griff ich für mein zweites Bild auf.

Bild Nr. 2 = Milch und Kuhnasen

Inspiriert durch die obige Anmerkung sollte die Milchpackung auf einem grünen Tisch stehen, stellvertretend für die vielen Wiesen und Weiden, die für die Milchproduktion zur Verfügung stehen sollten (!). Da auch hier die Bildkomposition hinsichtlich Anordnung, Perspektive und Gewichtung vom ersten Bild übernommen werden sollte, wurde die Lampe ebenfalls grün. Aufgrund dessen, dass sich nun tatsächlich eine Kuh auf der Verpackung befindet, wird der Eindruck der Wiese verstärkt. Dies war jedoch nicht von Anfang an geplant.

Wie Sie auf den nebenstehenden Abbildungen sehen können, war zunächst beabsichtigt, die Milchpackung blau (wie bei vielen namhaften Milchverpackungen in Deutschland) darzustellen, allerdings ohne jegliche Beschriftung. Doch irgendwie erscheint die Verpackung mit ihrer einfachen und sehr übersichtlichen, gar symmetrischen Form als Bildzentrum langweilig gegenüber dem restlichen, sehr farb-dynamischen und rötlich-gelb-grünen Umfeld. Die Packung geht im Gesamtbild unter und wirkt unfertig. Deshalb musste der Verpackung ein farblicher Schliff verpasst werden, der die Packung als Bildzentrum für den Betrachter interessant macht.

 

Bild Nr. 3 = Ananas und Transportmittel

Das dritte Bild enthält eine Ananas im Bildzentrum, die stellvertretend für alle exotischen Früchte stehen soll, die von weit her nach Deutschland importiert werden müssen. Daher befinden sich auf der Tapete Flugzeuge und Frachtschiffe. Da Flugzeuge am Himmel fliegen und Schiffe auf dem Wasser schwimmen, war für dieses Bild festgelegt, dass die Quadrate der Tapete blau werden sollten. Die Gitterstreben sollten grün sein, um daraus abzuleiten, dass man die Früchte vom „Wasser“ noch über „Land“ transportieren muss und ganz am Anfang des Produktionsprozesses selbstverständlich Land zur Bepflanzung zur Verfügung stehen muss. Um sich von dem nun schon sehr dominanten Hintergrund farblich abzuheben, sollten die Transportmittel (Flugzeuge und Schiffe) rot werden. Der gesamte Hintergrund sollte also die Produktion und den Transport im übertragenen Sinne sehr vereinfacht darstellen.

Da sich der Vordergrund aber entschieden vom Hintergrund abheben sollte, wählte ich für diesen, also für Tisch und Hängeleuchte, da auch hier wiederum die Komposition hinsichtlich Anordnung, Perspektive und Gewichtung der beiden vorhergegangenen Bild übernommen werden sollte, gelb, als Farbe mit der höchsten Leuchtkraft.

Durch die Fahrt- und Flugrichtung der Schiffe und Flugzeuge wird eine Dynamik der Bildelemente freigesetzt, die bei den beiden vorherigen Bildern in dieser Form nicht vorhanden ist. Die Schiffe sollten bei der ersten Bleistiftzeichnung auf der Leinwand von links nach rechts fahren und die Flugzeuge von links unten nach rechts oben fliegen. Die Richtungsführung der Elemente hätte jedoch dazu geführt, dass das Bild nach rechts oben wegdriftet.

Um ein solches Wegdriften zu vermeiden und den Hintergrund ruhiger zu gestalten, fliegen die Flugzeuge nun von rechts unten nach links oben, so dass die Gegenrichtung der Flugzeuge zu den Schiffen das Bild hält. Ein Mischen der Fahrt-/Flugrichtung der einzelnen Elemente hätte einen zu unruhigen Hintergrund ergeben.

 

  

FAZIT

Für ein Stück Fleisch, eine Packung Milch, eine Ananas oder jedes beliebige weitere Nahrungsmittel muss eine  Menge Aufwand betrieben werden, damit wir diese Produkte konsumieren können.  Vielleicht erinnern Sie sich beim nächsten Konsum an meine Bilder und deren Intention. Vielleicht wird dies Auswirkung auf Ihren Konsum nehmen.

 

Meine Überzeugung ist es, dass ein bewusster Konsum ein großes Potential zu Veränderungen in sich trägt. Er kann dazu führen, dass der Konsument nur das wirklich konsumiert, was er braucht. Er ist evtl. auch eher bereit, etwas mehr für ein bestimmtes Produkt zu bezahlen, wenn wer a) weiß, welch ein enormer Aufwand dahinter steckt und b) er sich dies auch bewusst macht. Allein dieser Umstand kann das Kaufverhalten des Konsumenten beeinflussen und verändern. Meiner persönlichen Meinung nach ist das Sich-bewusst-machen des Konsumenten die einzig kraftvolle und nachhaltige Möglichkeit, intensiv auf den Wirtschaftskreislauf einzuwirken und einen Überkonsum zu vermeiden.

 

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

 

Ihre Tanja Kornwebel